Stadttheater Giessen
    Bravouröses Solo für Irina Ries

    Bravouröses Solo für Irina Ries


    Christian Fries gelingt im Til mit "Das kunstseidene Mädchen" herausragende Bühnenfassung von Irmgard Keuns Roman
     Unter historischen Gesichtspunkten bilden die Wirtschaftskrise der 30er Jahre, Arbeitslosigkeit, die seelischen und sozialen Folgen des Ersten Weltkriegs, unter künstlerisch-ästhetischen die Neue Sachlichkeit und sprachlicher Expressionismus die Folie zu "Das kunstseidene Mädchen" (1932) von Irmgard Keun. In der Bühnenfassung von Gottfried Greiffenhagen hatte der Monolog der Angestellten Doris, die die rheinische Provinz verlässt, um in Berlin ihr Glück zu machen, nun in der TiL-Studiobühne Premiere. Christian Fries inszeniert das Stück sehr formal strukturiert. Er emotionalisiert und psychologisiert nicht, sondern geht durch rhythmisierte Sprachbehandlung - oft werden einige Sätze und Worte auch in der Modulation musikalisiert - durch dezent stilisierte Bewegungen und das Stellen von fast unbewegten Bildern einen anderen Weg.
    Weg in den AlkoholDas Publikum wird nicht durch die Darstellung unvermittelt und verharmlosend "gerührt", sondern der Monolog entfaltet seine Wirkung gerade durch die Wahrung einer gewissen Distanz. Das Schicksal von Doris - die Vereinsamung, das Unterhalten von auf Ökonomie gerichteter Männerbeziehungen, der Weg in den Alkohol - bewegt trotzdem.
    Irina Ries (Doris) bewältigt - bis auf einen kleinen Textriss in der Premiere - den Monolog mit Bravour. Mit jedem Szenenwechsel in der Erzählung schlägt sie einen anderen Ton an. Mit Genauigkeit werden auch die Bewegungen ausgeführt. Obendrein hauchen die Ausstrahlung der Darstellerin sowie deren eindringliche innere Haltung zu Text und Geschehen der Bühnenfigur Leben ein.
    Kühl ist das Bühnenbild von Marion Eiselé. Ein Gang aus transparenten Folien hat die Funktion eines Erinnerungs- oder Traumtunnels, in welchem die Schauspielerin oft abtaucht, nur schemenhaft ist sie dann wahrnehmbar.
    Im TraumtunnelDiese Bilder stehen (vielleicht) für Rückerinnerungen im Monolog und all die nicht realisierbaren Lebensträume. Caféhaus-Stühle, eine Wäscheleine behängt mit Seidenstrümpfen und einem Fuchspelz und viele Schuhe und Hüte verleihen der Inszenierung ein wenig Zeitkolorit und geben der eher abstrakten Darstellung eine greifbar gegenständliche Facette. Mit Schuhen und Strümpfen, Hüten hantiert Irina Ries dann auch originell herum. Der sprachlich knappe, sprunghafte Text besitzt auch Pointen, in sprachlicher wie situativer Hinsicht. Diese ließen die Zuschauer auflachen. Fries findet immer wieder erstaunlich treffende Bilder für die erzählten Stationen, die über die Szenerie hinaus die seelischen Befindlichkeiten von Doris anschaulich erfassen.
    Einspielungen von klangfarbenharten Klavierakkorden und aufgenommenen Dialogen sind gut eingesetzte akustische Elemente, die sowohl atmosphärisch als auch inhaltlich die Darstellung erweitern. Das sofortige Hereinspringen in Situationen, die in kompletten Beschreibungen von Seiten Keuns erinnern an kurze filmische Momentaufnahmen.
    MomentaufnahmenDementsprechend hat der Regisseur die Szenen "geschnitten" oder "geblendet". Die künstlerische Gesamtkonzeption geht auf. Wohlverdient lang anhaltender Applaus für das das 90-minütige Bühnensolo von Irina Ries und für Regisseur Christian Fries.
    Tanja Löchel, Gießener Anzeiger, 26.09.2009